Montag, 9. Januar 2017

Wie Kinder forschen oder Warum Projektarbeit in Kitas überbewertet wird





Wie kann die Arbeit an Projekten so gestaltet werden, dass die Kinder mit Freude und Begeisterung dabei sind?Projektarbeit, Projektarbeit.... Kennst du das auch, dass den Pädagogen in der Praxis oft vorgeworfen wird, sie würden zu wenig Projekte mit den Kindern durchführen?


Ich persönlich bin kein Fan von Projektarbeit, jedenfalls nicht in der Form, wie sie oft in Kitas praktiziert wird.
Finde ich grauenhaft.
Warum?
Weil aus meiner Sicht hier genau das Gegenteil von dem erreicht wird, was man eigentlich erreichen möchte.

Kinder sollten frei spielen und lernen können

Kinder sollen möglichst selbstbestimmt und frei spielen können. Sollen aussuchen können, was sie gerade machen und sich richtig in ein Spiel, in eine Tätigkeit vertiefen können.
Das ist gut und wichtig. Das wissen auch wir Erwachsenen. Und weil wir Erwachsenen den Kindern so viel Gutes angedeihen lassen wollen, wünschen wir uns, dass die Kinder die Möglichkeit haben, in einem Thema ganz zu versinken.
Das ist der Grund, warum viele Eltern sich mehr Projektarbeit in Kitas wünschen.
So oft habe ich schon von Eltern gehört, es müsse mehr Projekte geben.
In jeder Einrichtung ging es früher oder später darum.
"Zu wenig Projektarbeit! Schade, schade....
Hier können sich die Kinder doch ganz gezielt und über einen längeren Zeitraum mit einem Thema auseinandersetzen! Ist doch so schön für die Kinder!"

Ist es das tatsächlich?


Projekte mit Kindern- an für sich eine schöne Sache




Aber nur dann, wenn das Projekt tatsächlich an den Bedürfnissen und Interessen der Kinder orientiert ist. Oft geht es aber in Wirklichkeit um die Bedürfnisse der Eltern.
"Ich habe da eine ganz tolle Schmetterlingszuchtstation für die Kinder bei Wehrfritz entdeckt. Das wäre doch mal ein tolles Projekt, Britta!"
"Macht doch mal was zu Dinosauriern, interessiert doch sicher viele Kinder.", das sind Sätze, die ich oft von Eltern höre.
 Sie haben vielfältige Ideen und es ist schön, wenn Eltern sich für ihre Kinder interessieren und sich einbringen wollen!
ABER:
Wessen Bedürfnis wird befriedigt, wenn Kinder sich mit einem Thema beschäftigen, das ihre Eltern für wichtig halten?
Macht das, pädagogisch betrachtet, überhaupt Sinn?  


Nein, denn Projektearbeit ist nur dann sinnvoll, wenn das Interesse und die Motivation aus den Kindern herauskommt.
Wenn man also ein Thema aufgreift, das die Kinder wirklich beschäftigt.







Kinder interessieren sich jeden Tag für 1000 Dinge.



Und damit meine ich nicht, dass umgehend das große Ernährungprojekt starten muss, weil die Kinder einmal etwas zur Verdauung gefragt haben. Sondern, dass man Themen aufgreift, die mehrfach oder besonders stark das Interesse der Kinder geweckt haben.
Denn, es liegt in der Natur von Kindern, dass sie sich für viele Dinge interessieren, dass sie ständig Neues entdecken. Das ist wunderbar, aber es bedeutet nicht, dass man deshalb aus Allem ein Projekt machen muss.
In Einrichtungen habe ich es oft erlebt, dass die Erzieherin ein Thema vorgibt. Unabhängig davon, ob dieses Thema für einzelne Kinder oder gar die ganze Kindergruppe relevant war.
Da gab es dann z.B. das Frühlingsprojekt, weil gerade Frühling war. Das Projekt Farben, weil man sowieso wollte, dass die Kinder mal die Farben  benennen lernen oder das Theaterprojekt, denn das kann man beim Sommerfest so toll den Eltern aufführen.
Und es liegt auf der Hand, dass sich bei diesen Projekten unheimlich viele Kinder gelangweilt haben. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass sie gar kein Interesse für das jeweilige Thema geäußert haben.
Das ist ungefähr so, als müsste ich mich jetzt vertiefend mit Baustellenfahrzeugen beschäftigen, obwohl mir Bagger und Co. ziemlich egal sind.
Dass so eine Projektarbeit keinen Mehrwert bietet, erklärt sich von selbst, oder?

Warum gibt es trotzdem so viele Erzieherinnen, die Kindern Projekte einfach vorsetzen?
Ganz einfach, weil Eltern das fordern, weil das Eltern zufriedenstellt und weil das Eltern suggeriert, hier wird tolle pädagogische Arbeit geleistet.



Bewusst Freiräume schaffen und Aktivitäten weglassen



Tatsächlich ist die beste pädagogische Arbeit jedoch die, die nicht immer mehr und mehr bietet, sondern, die bewusst und durchdacht Dinge weglässt. Damit Freiräume geschaffen werden. Freiräume, in denen sich die Kinder wirklich in ein Spiel vertiefen können.
Denn, mal ganz ehrlich, wenn wir uns so einen Kitatag mal anschauen, wann haben Kinder die Möglichkeit, in ein Spiel, in ein Thema vollkommen abzutauchen?
Wann bekommen sie wirklich von uns die Gelegenheit, das zu tun, was sie gerade wirklich machen möchten?
Wann können sie sich versunken, ausdauernd und konzentriert z.B. mit Wasser oder Sand beschäftigen?



Wofür interessieren sich Kinder wirklich und wann haben sie Zeit für Freispiel?


Kinder haben kaum Zeit, vertiefend zu forschen und zu spielen



Sind die Kinder im Kinderladen angekommen, rufen wir sie ziemlich bald auch schon zum Frühstück. Nach dem Frühstück geht es weiter zum Morgenkreis.
Im Anschluss an den Morgenkreis haben die Kinder entweder Glück und können endlich selbstbestimmt spielen oder die Erzieherin ruft schon zum Bastelangebot oder es ist der Turn-Dienstag oder der Musik-Mittwoch oder der Früh-Englisch-Donnerstag oder der Yoga-Freitag.
Dann spielen sie natürlich nicht.
Dann nehmen sie an angeleiteten Angeboten teil, werden "gefördert". Warum auch immer. 

Anschließend haben sie Zeit zum Spielen. Eine ganze halbe Stunde lang, es sei denn, sie sind heute mit dem Tischdienst dran und die Erzieherin ruft sie bereits zum Tischdecken. Geschwind, geschwind, Teller, Tassen, Besteck auf den Tisch!
Und dann geht's weiter: auf die Toilette, noch mal "pullern" und die Hände waschen.

Und hatte ich erwähnt, dass die halbe Stunde Spielzeit natürlich inklusive Windelwechsel gerechnet war? Hier also bitte noch einmal Zeit abziehen.
Schwuppdiwupp ist Mittagessenszeit. Und, ihr ahnt es, auch danach: keine Zeit zum Spielen. Zähneputzen ist angesagt und danach schnell ausgezogen und zum Mittagsschlaf. Vielleicht sind manche Kinder auch schon zu groß für Mittagsschlaf, dann haben sie jetzt endlich Zeit zum Spielen.

Aber nur ganz leise! Ist klar, die anderen Kinder schlafen ja.
Nach dem Mittagsschlaf dann das ganze Programm rückwärts: auf die Toilette gehen, anziehen und schon ist wieder Vesperzeit.
Viele Kinder werden nach dem Vesper abgeholt.

Sie hatten heute keine oder nur kaum Zeit, mit ihren Freunden und Freundinnen zu spielen. Keine Zeit, sich in Rollenspiele zu vertiefen und die Zeit vergessen zu können. Sie hatten keine Gelegenheit, sich einer Tätigkeit vollkommen hinzugeben.
Aber das macht nichts, bald ist ja wieder Projektwoche, da wird das nachgeholt....


Also lieber keine Projektarbeit?


Projektarbeit kann spannend und sinnvoll sein, wenn sie einfach entstehen darf. Und wenn ein Projekt entsteht, muss es nicht zwangsläufig für die ganze Kindergruppe entstehen.
In einer Kita, in der ich gearbeitet habe, hatte ein Junge bei einem Ausflug Blumensamen gefunden und diese im Kinderladen eingepflanzt. Monatelang hat er sich hingebungsvoll um seine langsam wachsende Pflanze gekümmert.
In den Schließzeiten hat er sie mit nach Hause genommen. Er hat sie fotografiert und Bilder von ihr in Naturführern gesucht. Er hat sie draußen in der Natur wiederentdeckt. "Das ist genau so eine wie ich habe, oder?"
Das war für ihn ein wirklich großes und interessantes Projekt.
Die anderen Kinder hat das nicht interessiert, was vollkommen okay war. Für alle Beteiligten. Man hat nun mal nicht immer gleiche Interessen.
Ein weiteres Mal fand die Kindergruppe wiederholt Schnecken im Park und war fasziniert von den Tieren.
Also haben wir Schnecken mit in den Kinderladen genommen, ein Terrarium für sie eingerichtet und sie über ein Jahr beobachtet. So lange hielt das Interesse tatsächlich an, bis wir die Schnecken wieder frei ließen.


Kinder sind von Natur aus neugierig und lernen am Besten, wenn sie frei ihren Interessen nachgehen können, ohne Vorgaben von außen.
Die Kinder konnten sehen, wie die Schnecken Eier legten und wie die Babyschnecken sich entwickelten.
Dies war ein wirklich tolles Projekt und es ist einfach entstanden. Die Kinder waren engagiert und haben eine Menge gelernt. Nach dem Schneckenprojekt hat sich ungefähr anderthalb Jahre kein Projekt mehr entwickelt. Es gab einfach nicht die Gelegenheit. Auch das ist vollkommen okay.

Projekte entstehen oder sie entstehen nicht und schon gar nicht entstehen sie in bestimmten Intervallen, wie z.B. zweimal im Jahr.
Solche Versprechungen kann man in vielen pädagogischen Konzepten lesen, aber sie sind komplett am eigentlichen Projektgedanken vorbei gedacht.

Lassen wir den Kindern doch einfach mehr Freiraum, dann enstehen auch Projekte.
Und falls nicht, können wir dennoch ganz unbesorgt sein, denn Kinder können sich auch außerhalb von Projektarbeit in ein Thema vertiefen.

Wir müssen sie nur lassen.






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