Mittwoch, 5. Oktober 2016

Motorische Entwicklung - Wie Kinder sicher Bewegungsabläufe erlernen



Wenn Kinder selbständig und in ihrem eigenem Tempo den Spielplatz erobern dürfen, stärkt das ihr Selbstbewusstsein enorm.Dienstagvormittag. Sonnenschein, Spielplatz, die Kindergruppe, ich und der Blick einer Mutter, der auf mir ruht.Erst ist der Blick interessiert, ich kann den Gedanken, der dahinter steckt, fast hören:“ Na, wie reagiert sie, auf die Frage des Kindes?“
Ich antworte, der Blick verändert sich, wird ungläubig. Vielleicht sogar auch entsetzt, als sie das Kind wütend zurück zum Spielgeschehen gehen sieht?
Kann hier wirklich sein, was nicht sein darf?


Ist die Erzieherin tatsächlich sitzengeblieben, unwillig, dem Kind auf das Klettergerüst zu helfen?



Sich bewusst zurück nehmen und nicht ins Geschehen eingreifen



Ja, ganz recht, ich sitze noch und viel wichtiger, ich habe auch nicht vor, das zu ändern.
Ich weiß, wie das wirkt.
Der Spielplatz wimmelt nur so von Erwachsenen, die ihre Kinder nicht nur unablässig auf die tollen Spielgeräte hinweisen, sondern sie auch gleich auf die selbigen heben.
Rauf auf die Schaukel und angeschubst, das Kind muss nur noch selbständig sitzen. Bei der Rutsche, wird ihm selbst das abgenommen, da wird das Kind einfach am Arm gehalten, während es die Rutsche hinunter eiert. Hui, welch ein Spaß!
Und da sitze ich nun, das lebendig gewordene Klischee der faulen Erzieherin.
Aber, es ist mir egal, denn ich weiß etwas, das die Mutter, die mich beobachtet, nicht weiß.
Ich weiß, was passieren wird, wenn ich sitzen bleibe und nicht, wie die anderen hier, zusammen mit den Kindern über den Spielplatz tobe.



Die Sache mit der Frustrationstoleranz



Natürlich ist Marie wütend und enttäuscht. Sie hat es allein versucht, bestimmt 20 Sekunden lang, bevor sie sich auf den Weg gemacht hat, um Hilfe zu holen. Sie möchte auf das Klettergerüst, so wie die größeren Kinder, die schon oben sind, aber es klappt einfach nicht.
Die erste Sprosse ist zu hoch. Für ihren Fuß nicht zu erreichen. „Ich kann das aber nicht“ hat sie gesagt und „Ich will aber!“ Und dann das! Die Erzieherin sagt, sie wüsste, Marie würde das schaffen. Ganz allein, ohne Hilfe.
Sie ist nicht mitgekommen und das findet Marie gemein. Mama und Papa hätten ihr geholfen. Die sind nicht so fies. Sie geht zurück zum Klettergerüst, versucht erneut die erste Sprosse mit dem Fuß zu erreichen. Funktioniert nicht, sie hat es ja gewusst! Blöde Erzieherin.
Blöde großen Kinder, warum können die da einfach hinauf klettern?
Marie ist schließlich auch schon groß!
Noch ein Versuch. Vielleicht mit dem Knie auf die Sprosse und nicht mit dem Fuß? Das sieht gut aus. Kurz kann sie sich ein Stück hochziehen, aber nicht lange halten. Wieder kein Erfolg.
Der Frust ist groß, die Tränen fließen. Marie will nicht getröstet werden. Jetzt braucht die Erzieherin auch nicht zu kommen! Sie versteckt sich im Gebüsch.


Marie möchte sich nicht von mir trösten lassen. Sie ist enttäuscht und wütend und ich weiß, wie schwer es im Moment für sie ist, diese Gefühle auszuhalten. In Situationen wie diesen, lernt sie immer mehr, mit ihrem Frust umzugehen. Solche Momente sind wichtig für sie, auch wenn sie für uns beide nicht angenehm sind.

Vom Gebüsch aus sieht Marie die anderen Kinder. Sie spielen und lachen. Vielleicht sollte sie zu ihnen gehen? Langsam wagt sie sich aus ihrem Versteck, gesellt sich zu den anderen Kindern in den Sand.



Ich bin froh, dass Marie aus dem Gebüsch gekrabbelt ist.

Paul bemerkt es als Erster. Marie hat geweint. Ein bisschen unangenehm ist es ihr, aber sie erzählt es trotzdem. Sie würde so gern aufs Klettergerüst, noch immer.

Kein Problem. Lina ist schon 1000 Mal hinauf geklettert. „Komm mit, ich zeige dir, wie es geht!“
Und wirklich, Lina klettert in Windeseile hinauf. Marie beobachtet aufmerksam.


Eine Bewegung zu sehen, bedeutet nicht, dass man sie auch auf den eigenen Körper übertragen kann. Ich hoffe, Marie wird sich nicht gleich wieder zurückziehen, wenn sie es Lina nicht nachmachen kann.






Kindern die Chance geben, selbst auf Lösungen zu kommen und kreativ zu werden




Lina ist oben, aber bei Marie will es nicht klappen. „Du bist einfach zu klein“ Das Lina das sagt, findet Marie gemein und es beschämt sie. Marie ist nicht zu klein. Sie weiß, sie könnte das Klettergerüst hinauf klettern, aber da fehlt einfach eine Sprosse! Paul hat eine Idee. Sie brauchen eine Treppe. Ganz klar. Wenn man irgendwo nicht heran kommt, braucht man eine Treppe oder Leiter oder einen Tritt. Ein Tritt.....so wie bei der Toilette oder dem Waschbecken. Genau! So etwas brauchen sie.


Nein, ich habe keinen Tritt dabei und nein, ich kann unseren auch nicht aus der Kita holen. Aber, ich kann die Kinder ermutigen. Es muss nicht der Tritt sein. Man kann Dinge auch zweckentfremdet benutzen. Was könnt ihr auf dem Spielplatz finden?

Marie ist nicht mehr frustriert und auch nicht wütend. Hoffnung keimt in ihr. Sie muss nur einen Tritt finden, dann kann sie klettern. Paul und Lina helfen ihr. Sie suchen eine Weile den Spielplatz ab.
Aber dann, sie haben eine Idee! Wenn sie den Buddeleimer umdrehen? Könnte das eine Art Tritt sein? Tatsächlich. Marie ist, auf dem Eimer stehend, ein ganzes Stück höher. Von hier aus erreicht sie leicht die erste Sprosse und kann endlich das Klettergerüst erklimmen. Sie ist stolz.



Unabhängig von Erwachsenen Erfahrungen sammeln können



Ich freue mich für Marie. Nicht nur, weil sie auf dem Klettergerüst sitzt, sondern, weil sie erfahren konnte, wie gut es sich anfühlt, wenn man etwas aus eigener Kraft und Motivation schafft. Unabhängig von Erwachsenen.
Ich freue mich, weil Marie zusammen mit anderen Kindern eine Lösung gefunden hat, statt sie von Erwachsenen serviert zu bekommen. Und ich freue mich für uns beide, denn Situationen wie diese sind noch dazu eins: wahrer Beziehungsaufbau, denn Marie weiß, sie ist mir nicht egal. Ich traue ihr etwas zu, aber ich verlange ihr auch etwas ab.

Wenn du mich also demnächst wieder auf dem Spielplatz sitzen siehst, setz dich doch einfach dazu. Die Kinder schaffen das auch ohne uns. Nur besser.

Und wo könnte ich dich auf dem Spielplatz antreffen? 
Dieser Artikel erschien ebenfalls auf der Familienseite des Tagesspiegel.




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Kommentare:

  1. Sehr gut geschrieben, ich hoffe, diesen Text lesen viele Eltern.

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  2. Super! Als Erzieherin und "faule Mutter" kann ich das nur unterschreiben :-)Schön geschrieben!

    Liebe Grüße
    Lotti

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